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FREISTIL – KW 41

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Kommentar zur vergangenen Woche – KW41 – 16. Oktober 2022

Zurück zur Tagesordnung
Die Bundespräsidentenwahl verdaut, ein Österreich-Budget mit Rekorddefizit längst aus den Augen verloren, widmen sich der mündige Bürger und heimische Gazetten wieder wesentlichen Dingen des Lebens. Der Maskenpflicht. Ned so richtig zur Freude vieler. Wie habe ich dieses Thema vermisst. Sie nicht auch? Wir werden sehen …

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Der Dialog is blowin` in the wind …
Wenn wir nicht mehr miteinander reden, wird es düster. Gut, man kann nicht davon ausgehen, dass jeder mit jedem sich in der U-Bahn, im Wartehäuschen oder an der Bushaltestelle unterhält. Die Österreicher waren im Gegensatz zu den Deutschen noch nie Sieger bei Redewettbewerben. Aber ein bisserl mehr Miteinander würde uns guttun. Kärnten spielt auch hier in einer eigenen Liga. Wie war das noch mal mit der Wahl des Bundespräsidenten? Kärnten. Nicht die schon wieder. Langsam komme ich mir in Kärnten vor, wie die Gallier bei Asterix und Obelix. Ich mag sie trotzdem – die Kärntner. Wahrscheinlich, weil ich ein Kärntner bin. Zurück zur Konversation.

Mein kurzer Ausflug in die Bundeshauptstadt zeigt ein homogenes Bild. Es ist beängstigend, wie wir uns in unsere Welten zurückziehen. Dasitzen mit Ohrenstöpsel, Laptop und Handy. In der U-Bahn, im Zug, im Café. Die eigene Welt durch die Gegend schiebend. Ein deutscher Schauspieler hat sich dazu vor wenigen Tagen besorgniserregt geäußert. So ginge es nicht weiter. Der vernünftige Dialog sei verlorengegangen. Und er hat recht. Im Dialog oder Polylog vergleicht man sich mit seinesgleichen, während das Netz den Vergleich mit den Besten provoziert. Wie das ausgeht, wissen wir mittlerweile. Operierte 14-Jährige, durchsetzt mit Brust-OPs, Wangen- und Nasenkorrekturen, ADHS diagnostizierte Mehrheiten von Kindern, die auf die Springergarnitur der übermäßig im Krankenstand oder im Burnout befindlichen Lehrer trifft. Kein Ende in Sicht …

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Das Budget – Österreich, Land unter …
Vorab – Österreich kann, wie die meisten europäischen Staaten mit Ausnahme der nordischen Vertreter, mit Geld nicht umgehen. Soll heißen – was in jedem österreichischen Privathaushalt gilt, gilt nicht für den Staat. Dabei spreche ich nicht mal von Reserven aufbauen. Es geht darum, keine Schulden zu machen. 115 Milliarden Gesamtausgaben – der Schuldenstand springt von 280 Milliarden [2019] auf 367 Milliarden Euro [2023]. Schulden sind teuer. So zahlt Österreich im nächsten Jahr 8,7 Milliarden Euro Zinsen, fast doppelt so viel wie 2022 – da waren es 4,4 Milliarden.

Kunst und Kultur, zugegeben nicht die wichtigste Position in den Haushaltsausgaben – aber immerhin, erhält 620 Millionen Euro. Etwa viermal so viel, wie die Position „Finanzmarktstabilität“ – was auch immer darunter zu verstehen ist. Wissen Sie, wofür man hier 150 Millionen Euro ausgibt? Finanzmarktstabilität. Hm? Empfänge unter Diplomaten? Euro-Bus-Touren? Bankette? I don´t know. Kunst und Kultur erhält etwa gleich viel wie die Position „Bundeskanzleramt“. Sind da etwa die Werbekampagnen, Homepageauftritte und die in Auftrag gegebenen Studien zum Wahlausgang und zur Beliebtheit der Bundesregierung inkludiert? So genau wissen wir das nicht. Der Giftschrank namens Staatsbudget ist gut verschlossen. Bleiben Sie wachsam.

Der sichere Weg zum Bestseller
Natürlich denkt man an Erfolg. Es ist wie bei den Reichen. Auf Geld angesprochen, ist es für diese lapidar – bedeutungslos. Jedenfalls kenne ich mittlerweile ein todsicheres Rezept, um auch als Schriftsteller erfolgreich zu sein. Leider nichts für mich. Wäre ich Influencer, würde ich das Rezept per ebook weitergeben. Sie alle warten darauf? Die Spannung steigt. Trommelwirbel.

Seien Sie …
… eine non-binäre Persönlichkeit einer territorialen Minderheit, die bekleidet in blau-gelb sich vor laufender Kamera für die unterdrückten Frauen in Afghanistan die Haare rasiert und einen unlesbaren Roman über das Auflösen der Geschlechter, das Zerfließen der Gesellschaft und ihrer Sprache bringt. Todsicher ein Burner. Übrigens, wer hat heuer den Deutschen Buchpreis bekommen?

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Im Zugabteil …
„I leb jetzt so, wie i wüll. Monn kummt ma kana ins Haus. I wüll mein Spass hobn. Letztns hot mi ana ongschriebn, der wollt ma unbedingt sei Fitnessstudio zagn. Jo und donn hot a ma sei Hantel ausgepackt.“ [Gelächter]

Zwei Damen unterhalten sich angeregt im Zugabteil. Da ich keine EarPods trage, konnte ich mich der Konversation der beiden göttlichen Geschöpfe nicht entziehen. Bis Bahnhof Wien-Meidling war ich tief in die Welt der lebenslustigen Kärntnerinnen eingetaucht. Ich könnte Ihnen einiges erzählen, aber das ist eine andere Geschichte …

Über den Autor

Gerald Eschenauer

1 Kommentar

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  • Ich hätte -deine zu PC gebrachten Gedanken über (Gott und die Welt, nein, über These und Antithese) sehr gerne kommentiert; hab deswegen alles zweimal durchgelesen.
    Aber es wäre gegen mein Naturell, wüßt‘ ich nicht doch etwas, als Anregung zum Philosophieren. Bin schließlich eine hoffnungslose Optimistin, sogar in skurillen Zeiten wie jetzt:
    „Hier im ird’schen Jammertal wär‘ doch nichts als Plack und Qual, trüg‘ der Stock nicht Trauben“…
    (C.M.v.Weber/Freischütz)

Gerald Eschenauer

Schriftsteller. Philosoph. Schauspieler. Kulturvermittler, der zwischen den Welten wandelt.

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