FREISTIL – KW 04/23

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Wochenkommentar KW 04 – 29. Jänner 2023

Das Paradoxon der Unsinnigkeit
Schauen wir uns mal an, welche Fragen wir heute aufwerfen. Meist sind es Aburteilungen ohne jeglichen Charakter und ohne Substanz. Wir sind zu mehr oder weniger scharfen Diskreditierern geworden. Eine Sinnhaftigkeit ist nicht dahinter zu erkennen. Fragen, deren Antwort nicht eine Verbesserung der Lage mit sich bringt, sollten wir erst gar nicht stellen. Eine Zumutung ist unsere Dialogfähigkeit geworden. Soziale Medien und der falsch verstandene Umgang mit ihnen sind daran nicht unschuldig. Ausblenden oder neue, bessere, sinnvolle Fragen stellen, ist meine Antwort darauf …

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Das Dragee-Keksi-Dilemma
Das Bett ist ein verwunschener Ort, finden Sie nicht? Was dort passiert, entzieht sich der Öffentlichkeit. Und dennoch erzähle ich Ihnen heute eine Bettgeschichte. Wer liest, zieht sich zur Seelennahrung nicht selten auch Körpertrost rein. In meinem Fall Gummibärchen, Tropic-Fruits, Cashew-Kerne, Ritter-Sport-Schokolade oder eben Dragee-Keksi. „Wenn ich nur aufhören könnt.“ Sie erinnern sich. Neulich bin ich mit dem fast leeren Dragee-Keksi-Säckchen auf meinem Bauch eingeschlafen. Tief und fest … [schnarch] Ich schlafe richtig gut in diesen Tagen. Dann, der Morgen danach. Die Morgentoilette. Automationsbetrieb. Alles braune Flecken auf meiner Hand. Erschrocken. What the f…? Nein, kein Körpersekret. Gott sei Dank. Riecht süßlich, schmeckt schokoladig. Auf ins Schlafzimmer. Damned und verd – was habe ich getan? Wen habe ich umgebracht? Blutspuren im Bett? Aber es war doch niemand da? Kein Alkohol im Spiel. Keine Drogen?! Das Leintuch, die Bettdecke, der Polster. Striche, die nicht mal Arnulf Rainer schafft. Das ist Kunst. Wenn ich könnte, würde ich mir Teile des Leintuchs ausschneiden und an die Wand hängen. Nie wieder erreiche ich derartige Vollkommenheit. Und sie werden mich als den Dragee-Keksi-Literaten bezeichnen. Mein Lebenswerk als Künstler ist vollendet.

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Heute schon geschluckt?
An meinem 50. Geburtstag hatte ich meine Erleuchtung. Ich hatte bisher schändlich gelebt. Diese vielen Frauengeschichten. Keine Zentriertheit. Gnadenloses Erfolgsstreben. Und erst die Ernährung. Aber an meinem 50. Geburtstag fiel es mir wie dekoktgetränkte Schuppen von den Augen. Gerald, du musst dich bessern. Ich will mich bessern. Seither trinke ich täglich Buerlecithin, dreimal täglich 15 Milliliter, nehme hochkonzentriertes Wildkirschenextrakt zu mir, damit lässt sich der Bluttdruck senken, lebe mit Trennkost und laufe selbst bei einem Meter Neuschnee wie Forrest Gump. Das Leben verläuft seither in gemäßigten Bahnen. Muss ich mir ernsthaft Sorgen machen?

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A Lotto-Sechser
Neulich – fragen Sie mich nicht, welcher Teufel mich geritten hat – habe ich mir ATV angesehen. Irgendwas von Gemeindebau. „Wos is Zoarte – gemma af a Torte?“ So lernt man heute also jemanden kennen. Zumindest hat der das im Fernseher gesagt. War kein Avatar. Ein Mensch aus Fleisch und Blut. „Host schon an Sechser ghobt?“ – der nächste Anmachspruch. „Jetz host an!“ so leicht lernt man heute jemanden kennen Freunde. Vergesst Parship, Tinder und Bildkontakte. ATV ist State of the Art, für alle Alleinstehende ein Muss. Ein Lotto-Sechser diese Fernsehlandschaft.

Über den Autor

Gerald Eschenauer
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Gerald Eschenauer

Gerald Eschenauer

Schriftsteller. Philosoph. Schauspieler. Kulturvermittler, der zwischen den Welten wandelt.

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