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Offener Brief zu Villachs Baumpatenschaften …

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Offener Brief zu „Beitrag zum Klimaschutz“ Villacher Bänke und Bäume suchen Paten
[PA Stadt Villach v. 7. 7. 2022] an Vizebürgermeisterin Sarah Katholnig.

Sehr geehrte Frau Vizebürgermeisterin,

ein ähnliches Gespräch habe ich mit Ihrer Vorgängerin in Anwesenheit der Abteilung Stadtgrün bereits vor Jahren geführt. Zu einer Zeit, in der die prachtvollen Weiden in der Gerbergasse unverständlicherweise zur Brutzeit heimischer Vogelarten, nämlich im Frühling, bis auf den Stamm gestutzt wurden. Zu einer Zeit, in der die Uferböschungen entlang der Drau, flussauf- und flussabwärts, in einer Unverfrorenheit gefräst wurden – alles was höher als 30 cm war, Weiden, Edelgehölz, armdicke Stämme abgefetzt – so entmenschlicht, dass mir während des morgendlichen Laufes die Tränen über die Wangen rannen, weil etwas in mir nicht verstehen konnte, was hier vor sich ging. Zeitgleich wurden medienwirksam Blumenwiesen, Baumtröge am Hauptplatz, ein Bienenparadies durch die damalige Vizebürgermeisterin Hochstetter-Lackner ausgerufen. Offiziell, mit Brief, Siegel und großem Pressebrimborium. Ich dachte nach unserem Gespräch, wir wären darüber hinweg. Fehleinschätzung …

Baum- und Bankpatenschaften – ein Akt menschlicher Dummheit.

Können Sie sich einen Baum leisten? Können wir uns einen Baum leisten? Wer kann sich einen Baum leisten? Je größer, desto wohlhabender?! Schildchenbürger …

Ich lebe seit 20 Jahren in dieser Stadt, der ich an einigen Stellen Charme und Attraktivität zugestehe. Die zügig umgesetzte „Erweiterung des Friedensforstes“ der Stadt Villach – überzogen mit Baumkulturen in Form punzierter Bäume und etikettierter Regenbogenparkbänke, die zwischen der Impflotterie zum Verweilen einladen sollen – empfinde ich als eine Zumutung. Ich fordere Sie hiermit auf, diese Unsäglichkeit sofort abzustellen.

Bäume, Bänke, Straßen – mit einem Satz – die gesamte Infrastruktur dieser Stadt gehört ALLEN hier lebenden Menschen. Ich will keine Schilder auf Bäumen und auf Bänken sehen. Ich fühle mich durch sie belästigt. Baum- und Bankpatenschaften sind eine Zumutung.

Ich finde es einen unhaltbaren Zustand, wenn Sie sich erdreisten, mir eine Linde mit dem Aufdruck „Huaba Nante“ vor das Auge zu setzen. Ich kann mich dagegen nur wehren, indem ich die Augen schließe oder in Städte ausweiche, die diese Dummheit [noch] nicht als genialen Marketing-Gag einer auf dem Papier als „Grün“ ausgerichteten Stadt verstehen. Als Schriftsteller sehe ich es als meine Verpflichtung, die Augen nicht zu schließen. In diesen Zeiten noch aufmerksamer durch eine Stadt wie diese zu gehen. Wie mir geht es unzähligen hier Lebenden. Was ist los mit Ihnen/euch? Sie erteilen Aufträge Böschungen zu „fräsen“, nicht zu schneiden, rasieren Bäume, planieren Flächen, schottern ehemalige Grünstreifen als gäbe es kein Morgen und beschildern Bäume und Parkbänke?!

Eine Stadt ist mehr als ein Tummelplatz von Hutsch-Einrichtungen, Bronze-Eisenbahnern, überdimensionalen Herzen, Riesenrädern, zu Lampenschirmen degradierten Baumresten und Fensterrahmen, die irrigerweise noch den Slogan „#villachgrenzenlos“ am Rand des Rahmens tragen. Ein Geistesblitz, wer sich diese unhaltbare Suggestion einfallen ließ.

Jahrhunderte zurück hinterließen Stadtverwalter Gebäude, Kunstwerke und Parks, die wir heute noch besuchen und schätzen, für deren Bestand wir uns als „Kultur- und Tourismusland“ rühmen – die wir nach außen hochhalten – und Sie führen in dieser Stadt

ein temporäres Riesenrad,

einen Schaukelstuhl [mit durch Ketten begrenztem Schaukelradius],

Fensterrahmen auf der Brücke,

Lampenschirme,

den Thomas Brezina Winter Wunder Wald,

rot! eingefärbte Fahrradwege,

regenbogenfarbene Schutzwege,

einen „Sportkäfig“ [Wasenboden],

Baum- und Bankschildchen [Patenschaften]

ein?!

Es ist ein Trauerspiel, was Sie Stadtentwicklung nennen. Ich beobachte diese Entartung seit 20 Jahren. Die Umsetzungsgeschwindigkeit und Dimension dieses als „Beitrag zum Klimaschutz“- getarnten innerstädtischen Lifestyle-Mülls nimmt rasend zu. Die alten Gebäude fallen. Die Villen [Grubissich] werden geschliffen. Die Bäume [Pappeln vor Grubissich] verschwinden. Mit ihr die Citymanager … Die Geräuschquellen potenzieren sich. Quadrofonie+1 durch Voco, Little und Le Bar, Kirchtag und Summertime. Fünf diverse Geräuschquellen gleichzeitig an das Ohr eines Schlafenden. Legen Sie sich mit dieser Stadt ins Bett!?

Es gibt in dieser Stadt – kaum zu glauben – Menschen, die hier leben. Die den Tag und die Nacht hier verbringen. Die sich zwischen den Häusern entlang der Gassen auf den Straßen bewegen und eine intakte Natur, dazu gehören „unbesetzte und unbeschriftete“ Bäume, „unetikettierte Parkbänke“ und Ruheplätze brauchen.

Ich bin gerne bereit mit Ihnen öffentlich in Dialog zu treten, ein Abend unter Publikumsbeteiligung wäre höchst an der Zeit …

Mit innerstädtischen Grüßen
Gerald Eschenauer, Schriftsteller aus Villach

„Man soll die Verwirrungen des Geistes nicht für
ein Bedürfnis des Herzens halten.“

[J. N. Nestroy]

Über den Autor

Gerald Eschenauer

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Gerald Eschenauer

Schriftsteller. Philosoph. Schauspieler. Kulturvermittler, der zwischen den Welten wandelt.

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