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Trümmerhaufen

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Teile von zerborstenen Fensterscheiben, die auf Menschenkörpern liegen. Schreie, Jammern, Winseln. Sich in den Armen liegende Menschen, die sich nicht kennen. „Wir müssen …“, kommt aus dem Radio. Solidaritätsbekundungen mit Kreide auf den Asphalt gezeichnet und geschrieben. Solidaritäsbekundungen. Wem gegenüber? Der Geldgier, der Korruption, der Ausgrenzung, dem Fremdenhass oder der Ausbeutung gegenüber? Die Sicherheitsfirma bietet ihre neuesten Produkte an. Gesetze werden geändert. Polizei marschiert auf. Man hat sich versammelt, weltweit. Auf den bedeutenden Plätzen dieser Erde. Sie wird hinausgezerrt und öffentlich gedemütigt. Sie wird getreten, von Menschen unterschiedlicher Hautfarbe und Herkunft. Sie wird bespuckt, geschlagen und verunglimpft. Allseits macht man sich über sie lustig. Es wird an ihr gezerrt. Sie wird missbraucht. Täglich geschändet durch einseitige Werbebotschaften. I’m lovin it. Sie wird benutzt wie eine Prostituierte. Auch so behandelt. Sie wird delogiert. Des Hauses verwiesen. Sie wird einem Redesign unterzogen, kommerziell ausgeschlachtet und heute Morgen in die Luft gesprengt. Von Menschen, die sie nicht einmal persönlich kannten. Die während ihres erbärmlichen Lebens nicht ein einziges Mal auf sie gestoßen sind. Die blind Glaubenssätzen folgen und als erklärtes Ziel am liebsten lebloses Fleisch hinterlassen, das sie ebenfalls nicht kannten.

Darf ich dich streicheln? Liebevoll. Du in Sprengstoff gehüllte im Geiste verwirrte Selbstmordattentäterin?

Du liebloses Wesen, das den falschen Weg eingeschlagen hat. Konsequenzlos nehme ich dich in den Arm. Du bist verwundert, spüre ich. Der Versuch, dir nichts anmerken zu lassen, schlägt fehl. Dein schwarzes Haar ist so natürlich, stark gewachsen. Du bist ein schöner Mensch, Selbstmordattentäterin, deren Name belanglos ist. Ich flüstere dir ins Ohr, dass ich traurig bin und dass deine Tat keine Zukunft hat. Und ich spüre, wie das Eis zwischen uns beiden zu schmelzen beginnt. Ich küsse dich und stelle fest, dass deine Lippen hart und unbeweglich sind. Die Verkrampfung sich aber langsam löst. Dein Mund sich öffnet. Zeichen des Erinnerns. Wie gut das tut. Du bist gerührt, Selbstmordattentäterin, doch nicht geläutert. Deine stumpfsinnigen Gedanken sind durch nichts zu rechtfertigen. Der Druck, der auf dir lastet, das Gewicht, das du zu tragen hast, ist mehr als das deines Sprengstoffgürtels. Lege ihn ab meine hübsche Selbstmordattentäterin, lege ihn ab. Wenn ich in deine Augen sehe, sehe ich Fanatismus, Blendung und fehlgeleitete Energie. Dann umarme ich dich noch fester und drücke dich ganz an mich. Sie ist unzerstörbar, die Liebe. Hat dir das niemand gesagt? Sie ist das, was unsere innerste Welt zusammenhält. Hat dir das niemand gesagt, Selbstmordattentäterin? Und wenn es eine Zukunft für uns Menschen geben soll, dann ist sie ihr geschuldet. Mein Vermächtnis ist, dich zu lieben – armselige Kreatur …

In Gedenken der Bombenanschläge von Brüssel am Dienstag, dem 22. März 2016, und des unsäglichen Leids der Betroffenen und Hinterbliebenen. Update: Wien 2020

Aus Es regnet Liebe (c) 2017 Mitgift Verlag

Über den Autor

Gerald Eschenauer

2 Kommentare

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  • Ein wunderbarer Text getragen von Liebe zu einer verirrten Seele.
    Gefühle auf den Kopf gestellt – eine besondere Facette Literatur.

  • Zunächst möchte ich mich bedanken für Deinen Text, der als Prosa wirklich gelungen ist, jedoch fallen mir dazu spontan vier wirklich gelungene Filme ein. Colt 45 aus Belgien, 15:17 to Paris, Made in France (über eine Gruppe von Selbstmordattentätern die sehr an ihrer Mission zu zweifeln beginnen) und den Actionfilm (From Paris with love) in dem in letzter Sekunde eine Selbstmordattentäterin gestoppt werden kann. Dieser Film (From Paris with love) passt deshalb gut zu deinem Text, weil die Selbstmordattentäterin eine Liebesbeziehung zu einem Ermittler der Polizei unterhält. Wie auch immer interessante Prosa von Dir zu einem höchst aktuellen Thema.

Gerald Eschenauer

Schriftsteller. Philosoph. Schauspieler. Kulturvermittler, der zwischen den Welten wandelt.

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